Die Geschichte meines Meßsystems Nordmende 5300
Mitte der 70er Jahre studierte ich Elektrotechnik an der Universität Karlsruhe. Das Vordiplom war gerade bestanden und für das Hauptdiplom wählte ich ein Studienmodell des Instituts für Höchstfrequenz und Elektronik bei Prof. Dr. Blasberg. Ein wohlwollend exzentrischer Zeitgenosse, der mir freundlicherweise eine Tätigkeit als Hilfsassistent am Institut gab, was die Finanzierung des Studiums für eine lange Zeit sehr erleichterte. Hier galt es, Unterlagen für seine Vorlesungen vorzubereiten, System in so manche Sammlung zu bringen und auch eine Menge Dinge, wie Meßaufbauten und Demogeräte zu reparieren. Dies lag mir sehr, da ich zu Hause auch eine Werkstatt für Radio- und Fernsehgeräte des Bekanntenkreises hatte. Für Teile, Werkzeuge und Verbrauchsmaterial gab es in Karlsruhe einige Geschäfte, wie die Firma Bühler elektronik, die auch Industrierestposten anbot. Ende März 1978 war ich dort mal wieder zufällig und entdeckte eine große Menge an Kartons mit Meßgeräten, die zu einem sehr günstigen Preis angeboten wurden. Der Filialleiter erzählte mir, daß die Firma die Restbestände der Nordmende electronics aufgekauft habe und er testen wollte, wie die Geräte zu dem Preis laufen würden. Nun war ich nicht mehr zu halten und bekam für etwa 1000DM einen guten Querschnitt des gesamten Systems. Mein Studienfreund Carsten war von diesem Angebot auch angetan und deckte sich am gleichen Tag auch für seine Hobbywerkstatt ein. Eine Woche später annoncierte die Firma diese Artikel auch in der Funkschau, nur waren die Preise jetzt 30% höher. Glück gehabt. Nur war bei diesem Restposten leider kein Signalgenerator ( FU40 bzw. SR42) dabei. Immerhin fanden sich Frontplatteneinheiten des SR42 für kleines Geld. Die Firma Nordmende konnte noch die Serviceunterlagen für die beiden Generatoren liefern und wie vermutet, das erste Nachbauprojekt startete. Es dauerte acht Monate und zwei SR42 waren fertig, einer für Carsten und einer für mich. Dabei hat mir ein Nachbar noch sehr geholfen; er hatte die Möglichkeit, Schaltungsvorlagen in Folien umzuwandeln und daraus gedruckte Schaltungen in der Firma anfertigen zu lassen. Vielen Dank an den Horst und das Badenwerk in Karlsruhe, bei dem er seinerzeit beschäftigt war.
Das zweite Projekt, einen FU40 nachzubauen, erwies sich dann als extrem schwierig und wäre fast gescheitert. Es war unglaublich aufwändig, die benötigten Bauteile in den passenden Abmessungen zum studentischen Budget zu beschaffen. Horst hat wieder geholfen und die Platine nach meinen Vorlagen spendiert. Das eigentliche Problem war, daß die Originalplatine des FU40 doppelseitig kaschiert ist, das heißt, daß auf beiden Seiten Leiterbahnen vorhanden sind. In den Schaltungsunterlagen war nur eine Seite abgebildet (mehr ist in Serviceunterlagen auch nicht notwendig,), so daß die andere Seite mit Schaltdraht nachgebildet werden mußte. Dabei gab es auch mehrere Revisionen, bei denen Provisorien gegen bessere Lösungen ausgetauscht wurden. Immer dann, wenn irgendwo irgendwelcher elektronischer Abfall eingesammelt werden konnte. Insgesamt hat es gut drei Jahre Freizeit gebraucht, bis der Nachbau das tat, was er sollte. Dann galt es sich um andere Dinge zu kümmern, die Studienarbeit stand an. Dabei war ich derart inspiriert von diesem Meßsystem, daß ich meinen Professor von der Idee eines modularen Testsystems für Audiokomponenten ( Verstärker, Lautsprecherboxen, Kofferadios, Plattenspieler, etc.) begeistern konnte. Die Funktionsgruppen waren auch mit Kassetten aufgebaut und das Ganze kam ohne ein Grundgerät aus, da die Komponenten durch ihre Konstruktion aneinanderreihbar waren. Dabei verfügte es auch über einen Bus der Komponenten untereinander, so daß die einzelnen Module Signale und die Spannungsversorgung austauschen konnten. Dabei hatte ich durch die beiden Nachbauprojekte unglaublich viel gelernt, so daß die Studienarbeit zeitnah fertig wurde. Für die Bewertung der Studienarbeit war ein einstündiger Vortrag vor den Professoren, Assistenten und weiteren Kandidaten des Instituts notwendig, bei dem der Sachverstand des Vortragenden bezüglich seiner Arbeit auf den Prüfstand gestellt wurde. Dieser Vortrag war einen Tag nach der Weihnachtsfeier des Instituts angesetzt. Für die Weihnachtsfeier kam irgendjemand auf die Idee, irgendetwas mit dem Namen „Glögg“ zusammen zu mischen, wohl schwedischer Herkunft und ein warmer Punsch, der ganz gut schmeckte. Gegen 23:00 Uhr fuhr ich mit der Straßenbahn nach Hause und legte mich früh schlafen, da ja der Vortrag am nächsten Tag anstand. Gegen 02:00 Uhr wachte ich mit brüllenden Kopfschmerzen auf und nahm eine Tablette. Dadurch konnte ich ab 04:00 Uhr wieder bis 07:00 Uhr schlafen und wachte auf... mit brüllenden Kopfschmerzen. Eine weitere Tablette wurde eingeworfen und es ging mit der Straßenbahn in die Uni zum Vortrag. An der ruhigen Atmosphäre des Vortrags erkannte ich, daß das Auditorium in einer ähnlichen Stimmung war, wie ich. Nur der Senior Professor Friedburg beharkte mich mit Fragen, die sich jedoch zufriedenstellend beantworten ließen, da ich ja schließlich wußte, was ich aufgebaut hatte. Die Studienarbeit wurde sehr gut bewertet und an diesem Tag haben eine Menge Mitarbeiter sehr früh das Haus verlassen, um sicherlich wichtigere Projekte voranzutreiben. Auch wurde das Rezept des „Glögg“ für weitere Feiern dann nachweislich verworfen.
Im Frühjahr des Jahres 1982 war für meinen FU40-Nachbau und das Meßsystem dann die Feuerprobe. Im Institut hatte ein Kandidat für den Gewerbelehrerabschluß die Aufgabe, einen NF-Linearverstärker mit bestimmten Eigenschaften zu entwerfen. Um die Arbeit zu entwickeln und zu prüfen, war ein NF-Wobbler notwendig, um die Verstärkung frequenzabhängig darstellen zu können. Im Institut gab es keine entsprechenden Geräte und so brachte ich den notwendigen Meßaufbau mit und der Kandidat konnte seine Aufgabe erfüllen. Dies kann der FU40, gesteuert von dem Rampengenerator RG41 zusammen mit einem Oszilloskop. Eine herrliche Kombination.
Das Studium ging weiter in Richtung Hauptdiplom und eine weitere Hürde tat sich auf. Das Fach nennt sich Elektrodynamik und beschäftigt sich unter anderem mit den Maxwell-Gleichungen für veränderliche elektromagnetische Felder. Sehr theoretisch, trockenes Brot. Es war zu der Zeit das absolute Killerfach mit Durchfallraten von 70-90%. Carsten schaffte das vor mir und wollte mich dadurch motivieren, daß er mir sein Grundgerät A geben wollte, wenn ich es das nächste Mal schaffen sollte. In der Endphase der Vorbereitung kümmerten sich weitere Studienfreunde (Peter und der Schorsch) mit einer Menge Nachhilfe um mich und so ging ich zum nächsten Prüfungstermin. Die Auswertungsphase der Prüfung war gefühlt endlos lang und der Druck unglaublich, denn Diplom oder Nichtdiplom, das war hier die Frage. Alles hing an dieser Prüfung, es war die letzte vor der Diplomarbeit. Eines Morgens kam Prof. Blasberg in den Raum, in dem ich bereits meine Diplomarbeit aufbaute , nahm mich in den Arm und sagte mir, daß ich die Prüfung knapp geschafft hätte. Da hat er doch tatsächlich ohne daß ich es wußte, die Auswertungsphase beim anderen Professor verfolgt. Aber so war er. Die Diplomarbeit wurde rechtzeitig fertig und nach dem obligatorischen Vortrag, bei dem mich besonders Prof. Friedburg mit Fragen beharkte, sehr gut bewertet. Carsten löste sein Versprechen ein und so kam ich zum zweiten Grundgerät A. Wir arbeiteten dann vier Jahre bei der gleichen Firma in der Vertriebsunterstützung und es verschlug ihn dann nach München und mich nach Frankfurt, als es der Firma nicht mehr so gut ging. In dieser Zeit war das Meßsystem bei mir aktiv zum Aufbau verschiedener Hilfen, die das Leben der Kunden einfacher machten, sowie bei der Reparatur von hochauflösenden Monitoren. Mit der Zeit kamen noch einige Eigenbaumodule dazu, die sich einfach nur gut im Grundgerät aufräumen ließen: Ein Komponententestgerät für Radios und HiFi-Anlagen, ein zweistufiges Kapazitätsmeßgerät und ein 4 ½ stelliges Digitalmultimeter. Dies jedoch nur für Spannung und Strom, da Widerstände ja mit dem AM20 prima zu messen sind. Im Laufe der Jahre wurde ich ein Fan der ebay Auktionsplattform und es gelang weitere Nordmende-Module zu ersteigern, ein SO10 Oszilloskopeinschub, ein DM25 Digitalmultimeter und endlich, einen Funktionsgenerator FU40. Im Jahre 2005 sah ich eine Anzeige, deren Teile mir bekannt vorkamen und ich ersteigerte....Teile der Hobbywerkstatt von Carsten, der neben kleinen Grundgeräten auch seinen SR42-Nachbau abgeben wollte. Und so ist das Ding wieder bei mir. Ging sogar noch. Durch die Auktion kamen wir wieder ins Gespräch über die alten Zeiten. Im Laufe der Zeit sammelten sich noch eine Menge Kofferradios an, an denen ich bei Flohmarktbesuchen nicht vorbeikam. Auch hier leistete das Meßystem gute Dienste, um die Geräte wieder zum Leben zu erwecken.